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Alessandro Crudele & London Philharmonic Orchestra - Musikansich

Wer den Namen Respighi hört, denkt unweigerlich an das scheinbar unzertrennliche Sonntagsmatinee-Duo aus "Pini di Roma" und "Fontane di Roma". Insofern ist man froh, wenn jemand wie Alessandro Crudele einmal zeigt, dass diese Kombination zum einen nicht zwingend ist, und dass Respighis Oeuvre zum anderen durchaus mehr zu bieten hat. Auf seiner neuen CD lässt der Mailänder Dirigent den (fein ausstaffierten) Römischen Pinien mit den "Impressioni brasiliane" ein kaum bekanntes Werk folgen, das die Frucht einer Brasilientournee war, die Respighi 1927 mit seiner Frau, einer erfolgreichen Mezzosopranistin, unternommen hatte. Tropische Nächte, ein Zoo giftiger schleichender/kriechender Tiere (Schlangen, Skropione, Spinnen), eine Prise Sambarhythmen - fertig ist das tönende südamerikanische Kaleidoskop. Nicht minder exotisch die Balletsuite "Belkis, Königin von Saba" mit orientalischen Harmonien und Synkopierungen.

Der Komponist zeigt sich in gewohnter Weise als Meister der Orchestrierungskunst, der ganz ungehemmt (und bisweilen auch bewusst naiv) mit der ganzen Palette der Klangfarben spielt, die Satzlänge dabei häufig nicht unbedingt mittels komplexer Verarbeitung der an sich originellen Themen, sondern eher durch Repetition erzielend. Das hat immer auch einen Zug ins Filmusikalische und kann schnell platt wirken, wenn nicht durch geschickte Handhabung von Tempi und Dynamik sowie Betonung einzelner Instrumentalfarben für Raffinement gesorgt wird. Hier nun ist Alessandro Crudele ein wirklich kundiger Sachwalter, der mit Fingerspitzengfühl zur Werke geht und der Versuchung widersteht, durch allzu starken Farbauftrag dem grellen Effekt nachzurennen. Der Sound des London Philharmonic Orchestra bleibt damit jederzeit transparent und schlank, selbst dort noch, wo die Musik ins militaristische Tschingderassa abzugleiten droht.

Musikansich
03 June 2022